
Der Anfang
Schuld hat Falk. Der nette, partyliebende, politisch interessierte und gelegentlich etwas unorganisierte Schüler Falk Gembus war es, der vor zehn Jahren eine Kleinigkeit vermasselte - und nur wegen ihm wurde aus der Schülerzeitung des Erich Kästner-Schulzentrums, "Der Spargel", was sie heute ist: eine Schülerzeitung mit landesweitem Bekanntheitsgrad. Später hatten andere Schüler viele andere gute Ideen, um das Blatt in die Schlagzeilen zu bringen: etwa durch die "Promi-liest-Spargel"-Masche. Da wurde dann zum Beispiel Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl am Rande eines Parteitags überrumpelt, sich mit dem "Spargel" in der Hand von einem "Spargel"-Redakteur ablichten zu lassen.
Der "Spiegel/Spargel"-Konflikt aber war der erste Aufhänger, kurz nach der Gründung. Gebracht wurde die Geschichte im "Focus", in der "Woche", im "Spiegel" und in der "Hannoverschen Allgemeinen". Nachrichtenagenturen stiegen darauf ein, so stand die Story bald auch in den Tageszeitungen im Hunsrück, in Bonn und im Saarland. Vermutlich hat der "Spargel" eine Zeitlang die Stadt Laatzen bekannter gemacht als die Parkplatzproblematik während der CeBIT.
Schuld daran aber hat am Ende Falk. Und das kam so.
An einem kühlen Herbsttag flachste Kunstlehrer Wolfgang Dippel mit einigen Schülern über die Gründung einer Schülerzeitung. Dippel flachste immer. Im Eiscafé im Leine-Einkaufszentrum (heute Leine-Center) entspannte man sich von den ersten zwei Unterrichtsstunden, indem man die Füße auf den Stuhl des leeren Nachbahrstuhls ablegte und dabei einen Cappuccino trank. "Erich" lautete einer der spontanen Vorschläge für den Titel (wohl nicht in Anlehnung an den Gründer der Wohnhausscheibe in Laatzen-Mitte); "Kästner-Nachrichten" war ein eher weniger geliebter, überlieferter Vorschlag aus der Schulleitung. Die fand das nämlich anfangs ganz gut, eine eigene Schülerzeitung. Später ging sie in Deckung.
Irgendwie traf man sich mit Dippel und Co. immer wieder. Dabei kam immerhin soviel raus, daß genügend Texte für die erste Ausgabe zusammenkamen.
Erste Titelgeschichte: "Er hat sich doch rein gestellt". Schulleiter Helmut Stumme hatte einen Abi-Scherz des damaligen Jahrgangs wenig lustig gefunden. Weil er eine Zeitlang alle zu spät kommenden Schüler zwischen fünf nach und 20 nach acht demonstrativ per Handschlag begrüßte, widmete ihm der Abi-Jahrgang ein echtes Grenzschutzhäuschen. Es wurde am Eingang der Schule aufgestellt. Viele fanden's witzig, nur der Hausherr mochte sein Domizil nicht betreten. Schon gar nicht für ein Foto. Damals gab es noch die DDR, in der "Bild" vorsichtshalber in Anführungszeichen. Nicht auszudenken, daß sich ein Behördenchef auch nur zum Scherz unter Hammer-und-Sichel-Zeichen eines befeindeten Regimes stellte. Mit Schere und Papier gelang das dem ersten "Spargel" dann doch. Systemkritisch, provokant, selbstherrlich. So war der erste Spargel.
Warum hieß er so? Die Diskussionen gingen hin und her, kurz vor Drucktermin schlug Wolfgang Dippel den Titel "Der Spargel" vor. Ein Gag. Aber mangels besserer Vorschläge (mir selbst gefiel der Name kein Stück, aber damals tat man wohl noch, was ein Lehrer wollte) malte ich auf Pauspapier die einzelnen Buchstaben des "Spiegels" nach, kopierte das fehlende "R" und dachte mir ein passendes "A" aus. (In Kunst bekam ich dann 11 Punkte. Danke.) Ein paar Spargelspitzen aus der Feder Dippels malten wir ebenfalls nach. Zack war der erste Titel fertig.
Von Computer-Scan und Bildbearbeitung am PC war damals noch keine Rede. Die veralteten Rechner im Computerraum hätten über solche Anforderungen müde gelächelt. Auch die Innenseiten wurden zwar auf privaten Rechnern ausgedruckt, im wesentlichen aber mit der Schere montiert.
Besagter Falk Gembus derweil hatte den Auftrag, beim "Spiegel" nur mal halbwegs offiziell drauf hinzuweisen, daß ein mickriges Schülerblatt aus einem Vorort von Ingeln-Oesselse eine Zeitung namens "Der Spargel" rausbringen wollte. Das war unauffällig, und außer Wolfgang Dippel kümmerte sich da niemand drum. Es dauerte ein, zwei, drei und am Ende wohl vier Redaktionstreffen und Nachhaken - und tatsächlich: Falk Gembus hatte ein Schreiben aufgesetzt. Es strotzte vor Rechtschreibfehlern, war unverständlich formuliert, und nahm wahrscheinlich - wenn es denn jemals abgeschickt worden ist - vom Spiegel-Faxgerät den direkten Weg zum Grünen Punkt.
Wenn nicht, ist Falk jedenfalls der PR-Guru schlechthin des Spargels. Wenn doch, hat er gut daran getan, sich beim Nachfragegewitter bundesweiter Blätter in Laatzen zurückzuhalten - und damit noch viel bessere PR verursacht. Denn nur weil sich das wichtigste Nachrichtenmagazin Deutschlands seinerzeit so nervös mit den Jungs und Mädels aus Laatzen beschäftigte und von dort nicht der Hauch einer Kampagne entwickelte, blieb die Geschichte im Sinne des "Spargels" bei anderen Medien glaubhaft. Arme Schüler contra großes Unternehmen. Das zieht immer.
Falks Schreiben gab es, dafür verbürge ich mich heute, ich habe es gesehen, und wenn es nicht abgeschickt wurde, war es der beste Schachzug einer Schülerzeitung seit dem "Faule-Säcke"-Interview einer anderen niedersächsischen Schülerzeitung mit dem damaligen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder. Später versuchten andere irgendwo in Deutschland eine "Lokus"-Ausgabe in Anspielung auf den "Focus", aber diesmal blieb das Echo aus.
Wollte doch der große "Spiegel" aus Hamburg (seit knapp 50 Jahren am Markt, Auflage mindestens 1.100.000) der kleinen Schülerzeitung aus Laatzen (Auflage, seit 1989 am Markt: 550) ihren Titel untersagen - wegen "Verwechslungsgefahr", wie der Justitiar des Hamburger Konkurrenzblatts ernsthaft geltend machen wollte. Die HAZ, bei der ich damals volontierte, stieg voll auf die Geschichte ein; sie machte einen lokalen Aufmacher darüber und sich dabei im wesentlichen lustig über die Speerspitze des deutschen Journalismus aus Hamburg, die ein paar Schülerschreibern aus Laatzen mit der geballten Fachkompetenz eines Juristen den Titel streitig machen wollte.
Offiziell gemacht wurde das in diversen Blättern; und auch mich fragten eine Reihe von Journalisten aus Hamburg, München, Köln und Hannover, wie der Titel entstanden ist. Ihr wisst ja, mit welcher Disziplin solche haarigen Geschichten bei einer ordentlichen Schülerzeitung gehandhabt werden: Natürlich hatte Falk mit der ersten "Spargel"-Redaktion, mir inklusive, mit Wolfgang Dippel, mit dem Schulleiter und mit Herbert Schmalstieg gemeinsam vorm Faxgerät gestanden, als wir keine Antwort auf unsere frühere Anfrage aus Hamburg bekamen.
Das rief alle auf den Plan. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung widmete dem "Spargel" auch noch eine Glosse, der "Focus" machte sich aus München bundesweit lustig über das Gebären des "Spiegel"-Justitiars, "Spiegel"-Chef Stefan Aust mußte in einer "Hausmitteilung", eine Art Editorial im "Spiegel", Stellung nehmen. Ihm war das nur peinlich, auch wenn es sich anders las. Sein Kommentar im Nachhinein: "Ich habe noch nie die Hausmitteilung geschrieben. Diesmal mußte ich es. Aber das dürfen Sie nicht schreiben." "Die Woche" machte einen der späteren "Spargel"-Verantwortlichen sogar zum "Gewinner der Woche".
Alles nur, weil der "Spiegel"-Rechtsanwalt dem "Spargel" die weitere Benutzung des Titels untersagen wollte.
Fortan hatte der "Spargel" jedesmal zwei Anzeigenseiten vom "Spiegel" im Blatt. Denn zwischenzeitlich hatte "Spiegel"-Chef Aust die prekäre Angelegenheit übernommen. Der Justitiar grummelte geräuschvoll an seiner Kartoffel, aber Redaktionschef Aust sagte der "Spargel"-Redaktion bei einem gemeinsamen Spargelessen mit den Laatzener Leuten in Hamburg zu, die Sache zu begraben und künftig für ein bißchen finanzielle Unterstützung des Erich-Blatts zu sorgen. (Das Foto vom Gesichtsausdruck des Justitiars ist leider nichts geworden.)
Der Justitiar nestelte während dieses Essens häufiger an seiner Krawatte, zwei Pförtner blieben vorsichtshalber an der Tür zum exklusiv in lila ausgestatteten Salon stehen, falls sich einer der Schüler auf dem Klo verirrte. "Macht doch einfach weiter", sagte Aust kumpelhaft. So richtig rausrücken mit der Sprache mochte er damals nicht, wie peinlich ihm das ganze war. Schließlich schmatzte recht viel Presse am norddeutschen Spargel. Sein verschmitzter Blick sprach aber Bände: Nicht noch mehr hämische Öffentlichkeit! Was haben die jetzt vor? Wo ist der Kerl mit dem Fotoapparat?
Nur Falk war nicht dabei.
Autor:
Marcus Schwarze, Mitbegründer des "Spargels", macht heute die Seite "Computer & Programme", die unter anderem in der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" jeweils donnerstags erscheint. Abi 90.